Mittwoch, 29. August 2012

Geschmack mit Wirkung!

Süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb/zusammenziehend

Süß, sauer, bitter und salzig kennen wir im Westen auch. Aus Japan kommt „umami“, das ursprünglich „fleischig und herzhaft wohlschmeckend bedeutete“ (wir verbinden das heute vor allem mit Glutamatgeschmack). Im Ayurvedischen Weltbild gibt es jedoch sechs Geschmacksrichtungen, mit deren bewusstem Einsatz man ayurvedische Speisen nicht nur zum Gourmet-Menü aufwerten, sondern auch gegen Übergewicht, Erkältungskrankheiten, Knochenabbau oder Hautbeschwerden… vorgehen kann.

Süss fördert das Wachstum aller Körpergewebe, ist nährend, belebend, verleiht Zufriedenheit (da spielen auch die „schokoladenen“ Glückshormone eine Rolle!), trägt u. a. zur Langlebigkeit und zur Klärung der Sinnesorgane bei, nährt die Nerven, schwächt die Wirkung von Giften, mindert ein „brennendes“ Gefühl oder Durst und verleiht Kraft sowie eine gute Hautfarbe. Ein Zuviel an Süßem kann zu Fettleibigkeit, Schlaffheit, Faulheit, übermäßigem Schlaf, Appetitverlust, Verdauungsschwäche,  zu erschwerter Atmung und einer Zunahme des Schleims… führen. Menschen mit Kapha-Konstutitionen sollten mit Süßem daher grundsätzlich vorsichtig sein.

Die Geschmacksrichtung sauer verbessert den Geschmack der Nahrung und stimuliert den Stoffwechsel. Sie belebt, weckt auf, schenkt Leichtigkeit und Kreativität, hebt den Appetit, vermehrt die Masse des Körpers, treibt Blähungen aus, verleiht dem Herzen Zufriedenheit und nährt. Im Übermaß führt es zu einer Ansammlung von Toxinen im Blut (Übersäuerung) und fördert durch seine erhitzende Wirkung Entzündungen. Und: Wer „sauer“ ist, ist reizbar, nervös und panisch.

Salz verleiht der Nahrung Geschmack. Es reduziert Vata, fördert die Verdauung, in dem es das Verdauungsfeuer entfacht, ist schneidend, beißend, scharf, flüssig und macht die Glieder geschmeidig. Die Wirkung ist beruhigend, abführend und eröffnend. Die salzige Geschmacksrichtung bessert Steifheit, entspannt, schenkt Sicherheit und Stärke, beruhigt die Nerven, reinigt die Gefäße und erweicht Ansammlungen. Ist die Suppe „versalzen“ – wird Salz also im Übermaß genossen – kann es infektiöse Hautkrankheiten verschlimmern, Vergiftungssymptome hervorrufen, das Ausbrechen von Tumoren fördern sowie faltige Haut, Potenzstörungen, das Ergrauen und Ausfallen der Haare, Gicht etc. verursachen und zu Trägheit, Gefühllosigkeit, Anhaftung und Schwere führen.

Schärfe reinigt den Mund und die Nahrung, entfacht ebenfalls das Verdauungsfeuer, fördert die Absonderung der Nasenschleimhaut (wer ein scharfes Chili-Gericht verzehrt, sollte immer ein Taschentuch zur Hand haben!), verleiht den Sinnen Klarheit, Tatendrang, Willenskraft und Euphorie, beseitigt Fett und Wasseransammlungen im Körper sowie Stauungen überhaupt und wirkt keimtötend. Scharf ist anregend („scharf“ auf etwas oder jemanden sein) – zuviel davon macht aber müde, schlaff, aggressiv, hasserfüllt und wütend und zerstörerisch.
Wer jetzt allerdings glaubt, Chili sei das einzig Scharfe in der Pflanzenwelt, der irrt: Auch Rosmarin, Thymian, Pfeffer, Zimt, Basilikum, Salbei, Minze sowie zahlreiche andere Gewürze gelten im ayurvedischen Sinn als „scharf“, da „aromatisch“ und „würzig“ zur Geschmacksrichtung „scharf“ gehören. 

Obwohl bitter für sich selbst alleine selten gut schmeckt, stellt es den Geschmackssinn wieder her. Die Wirkung ist entgiftend, antibakteriell, verdauungsfördernd und fiebersenkend. Bitter lindert jegliche Art von Brennen, Jucken, entzündliche Hautkrankheiten und Durst. Diese Geschmacksrichtung strafft die Haut und Muskulatur, hilft Fett zu reduzieren und die Ansammlung von Toxinen im Fett-, Knochenmark- oder Lymphgewebe, sowie im Schweiß, Urin und Stuhl zu entfernen. Bitter reinigt das Blut, macht leicht, frei, kreativ und spontan – ein Zuviel an Bitter vermindert jedoch die Kraft, trocknet aus, macht müde, schwindelig und verursacht Angst, Unsicherheit und Labilität und „Bitterkeit“ dem Leben gegenüber.

Bleibt die Geschmacksrichtung „herb / zusammenziehend“: Sie fördert die spirituelle Öffnung, Feinfühligkeit und geistige Kraft, hemmt die Schweißabsonderung, wirkt trocknend, festigend und kühlend. Sie unterstützt die Heilung von Gelenken, das Abheilen von entzündlichen Stellen und die Stillung von Blutungen – kurz alles, was zusammenwachsend heilen soll. Andererseits kann zu viel „Herbes“ im Leben Psychosen, Neurosen und andere geistige Krankheiten verstärken.

Grundsätzlich sollten wir darauf achten, dass unsere Mahlzeiten alle Geschmacksrichtungen enthalten. Dies macht die Speisen ausgewogen und bekömmlich. Und schmackhaft natürlich auch. Zu einem bitter-herben Rucolasalat reichen wir daher gerne eine süß-saure Salatsoße mit Balsamico, Öl, Salz und etwas Pfeffer – das schmeckt gut und gleicht die trockenen, rauen und kalten Eigenschaften des herben Rucola  aus, um nur ein Beispiel zu nennen. Der weiteren Fantasie seien hier keine Grenzen gesetzt…!

Hauptquelle: Charaka Samhita (Samhita heißt „Text“ und die Charaka Samhita ist ein Kernstück der traditionellen Literatur des Ayurveda, das vom indischen Arzt Charaka verfasst worden sein soll. Wann genau kann man schwer sagen, der „Text des Charaka“ könnte bis zu 4500 Jahre alt sein).